Theologische Beiträge zwischen Betroffenheit und Widerstand

6. befreiungstheologischer Workshop 22. – 25. Oktober 2020 der Universität Leuven

Nicht nur reden, sondern handeln: Klimagerechtigkeit

Klimakatastrophen

Extremwetterlagen, Anstieg der Meeresspiegel, massiver Eisverlust an Polkappen und Gletschern, Versauerung von Meeren, unwiederbringlicher Verlust von Tropen- und Urwald, Massensterben von Tier- und Pflanzenarten: diese und andere Phänomene sind klare Indikatoren für eine Erderwärmung, die bereits zu tiefgreifenden Veränderungen der globalen Ökosysteme geführt hat und weiter fortschreitet. Die wissenschaftliche community, KlimaaktivistInnen und die überwiegende Mehrheit von politischen VerantwortungsträgerInnen stimmen darin überein, dass die Ursachen für die globale Klimaerwärmung menschengemacht sind und insbesondere auf den exzessiven Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen zurückzuführen ist. Menschengemachter Klimawandel hat massive Auswirkungen auf soziale, ökonomische, kulturelle Strukturen und menschliches sowie nichtmenschliches Leben. Der öffentliche Sprachgebrauch verschiebt sich von „Klimawandel“ hin zu „Klimakatastrophe“ und drückt so ein wachsendes Bewusstsein aus, dass Leben global gefährdet ist und akuter Handlungsbedarf besteht. Die Vereinten Nationen bezeichnen die Klimakrise als „bestimmende Herausforderung unserer Zeit“ und als „drängende Situation, zu handeln“. Weltweit sind Gesellschaften mit tiefgreifenden Herausforderungen konfrontiert, um den Einschlag des Klimawandels zu mildern und eine weitergehende, unumkehrbare Schädigung des globalen Ökosystems zu verhindern.

 

Klima und Un/Gerechtigkeit

Der Kampf gegen die Klimakrise für eine lebbare Zukunft auf dem Planeten Erde berührt grundsätzliche Fragen nach Gerechtigkeit:

1. Die Klimakrise hat zwar einerseits Auswirkungen auf das gesamte menschliche und nichtmenschliche Leben und drängt Menschen überall auf der Welt zu gemeinsamem verantwortungsvollen Handeln. Andererseits konfrontiert sie mit Unterschieden, mit unterschiedlich verteilter Verantwortlichkeit. Historisch betrachtet haben nicht alle Menschen in gleicher Weise und in gleichem Maße zu Klimaerhitzung und Umweltausbeutung beigetragen. Es bestehen geschichtliche und geographische Unterschiede in der Verursachung von Klimaverschmutzung. Nationen, Unternehmen und Einzelpersonen haben in verschiedenem Grade vom Klimawandel profitiert und profitieren bis heute weiterhin davon. Die Auswirkungen des Klimawandels variieren von Region zu Region, von Ort zu Ort, abhängig von geographischen, topographischen und materiellen Bedingungen. Die Verwundbarkeit durch Klimawandel ist durch lokale sozioökonomische, politische, infrastrukturelle bedingt und steigt proportional zur Armut. Die Möglichkeit und Fähigkeit, auf Klimawandel und -katastrophen adäquat zu reagieren, hängt ebenso davon ab.

2. Eine breite Gruppe von KlimaaktivistInnen, SoziologInnen und PolitikerInnen weist darauf hin, dass die Problematiken der Klimaerhitzung intensiv mit markt-basierter, kapital- und gewinnorientierten Ökonomien verbunden sind. Das Prinzip stetigen Wachstums und das Credo der Selbstregulierung von Märkten werden als treibende Kraft hinter der weitergehenden Ausbeutung der Ressourcen des Globus, der ungleichen Verteilung von Gütern, sozialer Asymmetrien und Armut angesehen. Der Kampf um Klimaschutz ist daher untrennbar auch ein Kampf um soziale Gerechtigkeit.

3. Die menschengemachte Klimaerhitzung hat in einigen Teilen der Welt begonnen, die Lebensgrundlagen betroffener Menschen zu zerstören. Wo Klimawandel menschengemacht ist und nicht unmittelbar aktiv und effizient bekämpft wird, kommt es zur Missachtung und Verletzung von Menschenrechten. Dies betrifft vor allem Menschen, die in Armut leben, und in besonderer Weise von Klimavulnerabilität betroffen sind. Nicht alle haben Zugang zu politischen Repräsentations- und Entscheidungsprozessen und sind von offizieller Klimapolitk ausgeschlossen. Dies betrifft nicht nur intra-generationell die bereits lebenden Menschen, sondern auch inter-generationell Menschen, die erst in Zukunft geboren werden, aber deren zukünftige Leben vom heutigen Verhalten und von heutigen Entscheidungen beeinflusst sind.

 

Der Workshop hat zum Ziel, diese Schnittstellen zwischen Klimagerechtigkeit/Ungerechtigkeit, Nachhaltigkeit/Unnachhaltigkeit aus der Perspektive von Befreiungstheologien, Kontextuellen und Kritischen Theologien zu beleuchten.

1. Er beleuchtet konkrete Situationen von Menschen, die von Klimawandel in spezifischen Weisen und in lokalen Situationen betroffen und gefährdet sind. Er lenkt die Aufmerksamkeit besonders auf Menschen, die unter prekären Verhältnissen mit erhöhter Verletzbarkeit für Klimakatastrophen leben und/oder die in politischen, ökonomischen und ökologischen Entscheidungsprozessen weniger bzw. gar nicht sichtbar und hörbar sind.

2. Der Workshop beleuchtet ebenso Haltungen, Formen, Ressourcen, Praktiken des Widerstands, mit denen Menschen auf die Klimakatastrophen, ihre soziopolitischen und – ökonomischen Faktoren reagieren. Dazu werden (1) konkrete Aktivitäten bzw. Reaktionen in Bezug auf Klimakatastrophen untersucht, die bereits aufgetreten sind oder in naher Zukunft auf treten werden. Das Interesse richtet sich (2) auf konkrete Praktiken, mit denen Akteure auf die tieferliegenden ökonomischen und strukturellen Ursachen von Klimawandel und Umweltausbeutung reagieren und die neue nachhaltige Lebensweisen und Lebensstile für Individuen und Kollektive anstreben und aufbauen.

 

Der Workshop nimmt in diesem Sinne konkrete Situationen erhöhter Klimaverwundbarkeit sowie konkrete Praktiken des Klimawiderstands als Ausgangs-/Referenzpunkt und bespricht diese in theologischen Perspektiven. Im Sinne eines kritischen Ansatzes analysiert er ökonomische Faktoren, politische und ideologische Strukturen, Wissensformationen und Machtverhältnisse, die Klimawandel bedingt haben und weiter bedingen. Von besonderem Interesse ist dabei, in welcher Weise christliche Theologien und Institutionen diese Strukturen und Entwicklungen beeinflusst haben. Diese kritische Analyse wird mit einem konstruktiv-kreativen Ansatz verbunden: Der Workshop bietet Räume für Austausch über Klimaaktivitäten, für die Diskussion von Widerstandsformen und für kreative Entwicklung innovativer, alternativer, nachhaltiger Formen des Klimaschutzes, die aus biblischen, spirituellen, theologischen und künstlerischen Quellen schöpfen.

Der Workshop beabsichtigt in diesem Sinne, theologische Theorien und Praktiken (wieder-/neu/vertieft) zu entdecken, mit ihnen zum Klimaschutz beizutragen und Entwicklungen sozial und kulturell gerechter Lebensweisen und Gesellschaftsstrukturen beizutragen.

Informationen zum Workshop und zur Anmeldung finden Sie auf der Seite:
theo.kuleuven.be/en/research/centres/centr_lib/liberation-theology-workshop-doing-climate-justice

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